Patienten unzufrieden mit interaktiven Online-Angeboten

HealthBytes hat eine explorative Befragung unter Nutzern deutscher Gesundheitsforen durchgeführt, um die häufigsten Gründe der Internetnutzung rund um das Thema Gesundheit zu bestimmen.

Chronische Leiden lagen als Grund weit vorne (62%) und wurden nur übertroffen von dem Bedürfnis die eigene Gesundheit in die Hand zu nehmen (69%).

Anlass der Internetnutzung bei Gesundheitsfragen

 

Zusätzlich wurde die Zufriedenheit mit interaktiven Online-Gesundheitsangeboten abgefragt. Diese wurden nur von einem kleinen Teil der Befragten als gut eingeschätzt:

Unterstützung zur Selbst-Diagnose wurde von einem Drittel der Befragten als gut bewertet. Noch schlechter gesehen wurden Angebote, die im Alltag Hilfestellung bei chronischen Erkrankungen  geben: Weniger als 25% der Befragten bewerteten Angebote zur Unterstützung beim Umgang mit der Erkrankung und zur Erfassung des eigenen Verhaltens („Gesundheits-Tagebuch“) als „gut“.

Online-Therapie: Psychische Erkrankungen als Vorreiter?

Mit Novego und Deprexis gibt es in Deutschland mittlerweile mindestens zwei digitale Therapieangebote für Patienten mit psychischen Erkrankungen – im Falle von Deprexis sogar für erste Patienten auf Rezept. Dabei scheint es gute Gründe zu geben, warum psychische Erkrankungen in Deutschlands aufkeimendem Digital Health Markt gezielt adressiert werden:

  • Kostentreiber psychische Erkrankung: Gemessen an den Kosten gehören psychische Erkrankungen zu den Top-3-Krankheitsklassen in Deutschland. In 2006 machten sie 11,3% der Krankheitskosten aus (Spitzenreiter waren Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit 14,9%).
  • Mangelware Psychotherapeuth: Insbesondere gesetzliche Versicherte Patienten warten häufig wochenlang auf Termine. Das ist nicht nur teuer für die Kassen, sondern erhöht auch die Bereitschaft der Patienten, innovative Hilfestellungen anzunehmen.
  • Demographie der Patientenschaft: Im Vergleich zu anderen weit verbreiteten Krankheitsbildern leiden überproportional viele jüngere Menschen unter psychischen Erkrankungen: In der Gruppe der 15 bis 45-jährigen waren sie in 2011 der Auslöser für 38% der Aufenthalte in Vorsorge- oder Rehabilitationseinrichungen.
  • Komorbidität: Patienten mit chronischen somatischen Erkrankungen sind dem 1,5-2-fachen Risiko einer gleichzeitigen psychischen Störung ausgesetzt. Nach einer Veröffentlichung der Deutschen Rentenversicherung leiden beispielsweise 30-40% somatisch erkrankter Rehabilitationspatienten unter psychischen Belastungen. In der gleichen Gruppe beträgt die 4-Wochen-Prävalenz psychischer Störungen je nach somatischer Erkrankung 16-25%.

So gut also die Gründe für innovative Therapieansätze sind, so spannend werden die Ergebnisse der aktuell durchgeführten Wirksamkeitsstudien, z.B. bei Deprexis, sein.

Erste Diabetes App auf Rezept

WellDoc kündigt in den USA die erste rezeptpflichtige Typ-2-Diabetes App BlueStar an (offizielle Pressemitteilung)

BlueStar wird vom Hersteller als Ergänzung zur bestehenden Betreuung durch den Leistungserbringer bzw. Arzt positioniert und hat das Ziel die Adhärenz der Nutzer zu verbessern („BlueStar befähigt Patienten, den vom Leistungserbringer definierten Therapieplan zu befolgen“).

bluestar_mediapg_preview

BlueStar unterstützt dabei die Therapiedurchführung anhand von krankheits-spezifischen Informationen und Inhalten, Echtzeit-Coaching (vom Hersteller als „Rückmeldung zu den persönlichen Gesundheitsdaten wenn benötigt und im richtigen Moment“ beschrieben) sowie motivatorischen Nachrichten. Die enthaltenen Therapieelemente die unterstützt werden, umfassen dabei Medikation, Ernährung, Bewegung sowie Erfassung von Messwerten.

Der einzige bisher vom Hersteller auf der BlueStar Homepage veröffentlichte inhaltliche Screenshot der App zeigt eine Erinnerung zur Blutzuckermessung. Ergänzt wird die Erinnerung durch eine motivatorische Nachricht: „Think positively – Replace negative thinking with positive affirmations as often as you can. Attitude is everything!“

BlueStar-promo-image

Neben den nutzergerichteten Funktionen soll die App die erfassten Messdaten an den Leistungserbringer weiterspielen um die Therapieentscheidung zu unterstützen und zu verbessern.

BlueStar wird wohl im Laufe dieses Jahres auf Rezept verfügbar sein und wird neben Mobile auch Tablet und PC unterstützen. Die Nutzungsgebühr für das Angebot soll nach ersten Aussagen bei ca. 100-150$ je Monat und Nutzer liegen, die wahrscheinlich von den Versicherungen erstattet wird.

 

US-Versicherer: Bonus für gesundheitsbewusstes Verhalten, Beweisführung per App

Mit „ObamaCare“ können US-Versicherer bis zu 30% der Versicherungsgebühren als sogenannten „Wellness-Incentive“ ausloben, d.h. als Anreiz für eine sichtbare Verhaltensänderung. Die Motivation: Eine Eindämmung der Kostenexplosion im US-Gesundheitssystem durch gesundheitsbewussteres Verhalten bzw. eine verbesserte Compliance. Mit Aetna versucht nun eine der großen US-Krankenversicherungen, mit Hilfe der neuen, hauseigenen App CarePass die Datengrundlage für verhaltens-basierte Bonus-Schemata zu schaffen. Nach Angaben der Technology Review setzt Aetna dabei auf eine Einbindung existierender Tracking-Lösungen:

  • Mittels CarePass können sich Nutzer Ziele setzen, z.B. ein bestimmtes Kleidungsstück (wieder) tragen zu können. Anschließend schlägt die App Ansätze zum Erreichen dieser Ziele vor.
  • Über Schnittstellen zu Trackern wie FitBit, Jawbone Up sowie zu existierenden Apps greift CarePass die tatsächliche Nutzeraktivität ab und ergänzt diese mit weiteren Informationen aus der digitalen Patientenakte der Nutzer.

Noch hängt kein konkretes Bonus-Schema an der Nutzung der App bzw. dem nachgehaltenen Patientenverhalten. In der offiziellen Sprachregelung will Aetna bisher vor allem gesundheitsbewusstes Verhalten unterstützen. Gleichzeitig will Aetna einen zentralen Speicherort für Verhaltensdaten etablieren, um diese auch anderen Anwendungen, z.B. für Ärzte, zur Verfügung zu stellen. Mit Kaiser Permanente versucht bereits mindestens ein weiterer Versicherer ein ähnlichen, wenn auch nicht identischen Weg zu gehen.

Während also zunächst eine Unterstützung der Verhaltensänderung im Fokus steht, scheint die Setzung eines zusätzlichen Anreizes durch das durch ObamaCare zur Verfügung gestellte monetäre Potenzial nur eine Frage der Zeit zu sein. Im Rahmen des MIT Technology Review Mobile Summit äußerte eine Aetna-Sprecherin, dass dies wahrscheinlich durch die Arbeitgeber getrieben werden wird: Im amerikanischen Versicherungssystem haben diese einen Anreiz, gesundheitsbewusstes Verhalten zu fördern und so die Kosten ihres jeweiligen Corporate Health Plans zu reduzieren.

Bessere Gesundheitsversorgung durch mHealth

Fast die Hälfte der befragten Patienten erwartet eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung durch mHealth (48%). Über die Hälfte erwartet, dass mHealth die Gesundheitsversorgung komfortabler bzw. bequemer machen wird (52%).

Infographik der DC Interactive Group (Pressemitteilung):

MobileAppHealthcare_970

 

 

 

mHealth Kooperationen: Start-ups und etablierte Spieler

Unabhängig von der Betitelung des jeweiligen Marktes, die Experten sind sich einig: Hinter Schlagworten wie „Wellness und Prävention“ oder „Right Living“ verbirgt sich ein Milliardenmarkt.

Auch wenn Gesundheits-Apps nur einen Teil des mHealth Marktes abdecken, wird die sich abzeichnende Konkurrenzsituation hier besonders deutlich: Herausgeber der erfolgreichsten Apps aus den Genres „Health and Fitness“ und „Medical“ des Apple AppStores sind längst nicht nur aufstrebende mHealth Start-ups. Auch etablierte Akteure des Gesundheitswesens versuchen sich entsprechend im innovativen Umfeld des AppStores zu positionieren.

Krankenkassen (z.B. DAK FitCheck, ICD-10 Diagnoseauskunft), Pharma-Unternehmen (z.B. Pill Reminder+, mKalender), Verbände (z.B. LärmApp) und Verlage (z.B. Apotheke vor Ort) sind allesamt mit eigenen, an den Endnutzer gerichteteten, Angeboten im Apple App-Store vertreten. Wie sollten Start-ups mit der zunehmend mobilen Präsenz etablierter Spieler umgehen?

In den USA integrieren sich einige mHealth Start-ups, wie z.B. Healthrageous oder Healthprize direkt in das bestehenede Gesundheitssystem (z.B. durch Monetatisierung über „Corporate Health Plans“). Auch wenn sich dieser Ansatz wegen des unterschiedlichen Versicherungssystems nicht direkt auf den deutschen Markt übertragen lässt, verdeutlicht diese Entwicklung, dass mHealth Start-ups und etablierte Spieler nicht zwangsläufig zu Wettbewerbern werden müssen. Kooperationsmodelle werden auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung gewinnen.

GSMA: mHealth mit 194 Mrd. € Potenzial in 2017 (EU)

Eine gemeinsame Studie des internationalen Mobilfunkdachverbandes GSMA und PWC vom Mai 2013 sieht in der EU in 2017 ein Netto-Kosteneinsparungspotenzial von knapp 100 Mrd. €. Das Gesamtpotenzial von 2013 bis 2017 beziffert die Studie sogar auf 265 Mrd. €. Hinzu kommen Produktivitätszuwächse, die die Autoren in 2017 auf eine ähnliche Größenordnung schätzen (93 Mrd. €). Allein für Deutschland sehen die Autoren ein Einsparpotenzial von 16 Mrd. € und ein Produktivitätspotenzial von 22 Mrd. € in 2017.

Mit 69 Mrd. € (2017) generieren  „Wellness & Prävention“ das Gros des geschätzten Einsparpotenzials, gefolgt von Einsparungen aus besserer Behandlung und Beobachtung. Interessant ist dabei u.a. der Vergleich mit einer kürzlichen McKinsey-Studie zum US-Gesundheitsmarkt: Die Strategieberater beziffern darin das Einsparpotenzial durch „Right Living“ auf eine ähnliche Größenordnung wie die PWC’s Potenzial für „Wellness und Prävention“ – und damit auf die für die typische Domäne von Digital Health. Dass McKinsey das Potenzial nicht als mHealth-Einsparungen, sondern als Big Data Potenzial tituliert, ist wohl eher dem Kontext geschuldet.

mHealth Einsparpotenzial durch Prävention / Lebesstilverbesserung (PWC vs. McKinsey, 2013)

 

Auch sonst fügen sich die bezifferten Potenziale mehr oder minder stimmig in jüngste Studien ein. Die spannende Frage bleibt: Wer schafft es, das Potenzial zu heben?

Boehringer Ingelheim investiert in Digital Health

Nachdem mit Merz Pharmaceuticals bzw. deprexis bereits vor kurzem ein deutscher Pharmahersteller gut sichtbar in den digitalen Gesundheitsmarkt eingestiegen ist, folgt mit Boehringer Ingelheim nun ein echtes Schwergewicht: Am 5. Juni 2013 hat RockHealth bekanntgegeben, den Biberacher Pharma-Konzern von nun an zu seinen Partnern und Unterstützern zu zählen. Interessant wäre der Ursprung dieser Initiative: Ist das Engagement eine Initiative auf Konzernebene, oder ist es eine initiative des US-Managements von Boehringer Ingelheim?

Arzneimittelhersteller erproben digitale Therapien auf Rezept

Mit Hilfe des Online-Angebots deprexis wollen Unternehmen und Forschungseinrichtungen depressiv Erkrankte behandeln. Um die positiven Effekte weiter zu belegen, sollen bis 2015 1.000 Patienten im Rahmen einer weiteren Studie behandelt werden.

Beim genaueren Hinsehen zeigt deprexis dabei spannende Trends auf:

  • Von medialem Content zu interaktiven Angeboten: Entwickelt wurde deprexis anscheinend federführend vom Hamburger Unternehmen GAIA AG. GAIA’s knapp gefasste Website lässt auf einen Fokus auf (multimediale) Informationsprogramme für Ärzte und Patienten schließen. Bei den patienten-orientierte Programme scheint dabei der Schwerpunkt auf Adhärenz bzw. Compliance zu liegen. Ein interaktives Angebot für Patienten wie deprexis stellt dabei eine spannende Weiterentwicklung zu den bisherigen, Content-fokussierten Angeboten wie z.B. Aufklärungs-DVDs dar.
  • Pharma-Industrie experimentiert mit digitalen Angeboten: Herausgeber von deprexis ist der Arzneimittelhersteller Merz Pharmaceuticals. Der Versuch, „digitale Wirkstoffe“ bzw. „digitale Therapien“ am Markt zu etablieren erscheint dabei als innovative strategische Antwort auf die zunehmende Ergebniserosion der Arzneimittelhersteller.
  • Krankenkassen erstatten digitale Angebote: Mehrere Krankenkassen zahlen für ihre Mitglieder die Teilnahme an deprexis. Beispielhaft seien hier die mhplus Krankenkasse sowie die dak und die Allianz zu nennen.  Die Gebühren je Nutzer betrugen im Oktober 2012 rund 280 Euro, wobei einige Marktteilnehmer davon ausgehen, dass die Gebühren inzwischen angehoben wurden.

Sollte deprexis zukünftig auf breiter Ebene durch die Kassen erstattet werden, könnte dies der Entwicklung digitaler Gesundheitsangebote in Deutschland in Zukunft deutlichen Rückenwind geben. In einem solchen Fall scheint ein Markteintritt der etablierten Pharmaunternehmen in den Digital Health Markt nur eine Frage der Zeit. In den USA strecken einige dieser Spieler bereits sichtbar ihre Fühler aus (siehe z.B. Corporate-Partner auf der Partner-Liste von RockHealth)