„Ingestibles“: Bessere Compliance durch schluckbare Sensoren?

Rund die Hälfte der chronisch Kranken verschriebenen Medikamente nicht oder nicht richtig eingenommen. Für Ärzte ist dies schwer zu durchschauen und eine wirkungsvolle Weiterentwicklung der Therapie kaum möglich, wie kürzlich sehr akkurat in der FAZ beschrieben.

Smartphone-Apps können die Therapietreue deutlich steigern, dezidierte Lösungen wie Glow Caps zeigen in ersten Studien sogar ein noch größeres Potenzial. Noch einen Schritt weiter geht das US-Startup Proteus:

  • Eine einnehmbare, mit einem Mikrochip versehene Tablette registriert die Einnahme von Medikamenten und übermittelt diese an einen als Pflaster am Bauch getragenen Sensor.
  • Der Sensor am Bauch sammelt weitere Daten wie z.B. Bewegungs- und Schlafmuster und übermittelt den gesamten Datensatz an eine Smartphone-App. Aus dieser kann der Nutzer sie z.B. mit ihrem Arzt oder ihrer Familie teilen.

Proteus Health ist bisher mit über 170 Mio. USD finanziert. Während das langfristige Ziel eine Integration des Chips in bestehende Tabletten ist, ist das erste Produkt „Helius“ eine dezidierte Tablette ohne eigenen Wirkstoff. Bisher wird Helius z.B. durch die Apothekenkette Lloyds (UK) vertrieben. Zur Akzeptanz durch Patienten liegen (zumindest uns) bisher keine Informationen vor.

Digital Health wirkt: Beispiel Medikamenten Compliance

Der Anspruch von Digital Health oder Health 2.0: Technologie unterstützt Patienten bei gesünderem Verhalten. So verbessert Digital Health nicht nur die Gesundheit, sondern senkt auch die Kosten im Gesundheitssystem (siehe auch Esther Dyson’s These: „More Health, Less Healthcare“). Aber kann Technologie Patienten tatsächlich zu nachhaltiger Verhaltensänderung motivieren? Jüngste Studien zum Thema Medikamenten-Compliance sind diesbezüglich vielversprechend:

  • Die WHO (und diverse andere Studien) geht davon aus, dass nur 50% der Medikamente, die chronisch Kranken verschrieben werden, auch tatsächlich eingenommen werden
  • Mit einer Medikamenten-Erinnerungs-App (MediSafe) konnte dieser Wert auf 81% gesteigert werden.
  • Mit ihren „GlowCaps“ konnte die Firma Vitality diesen Wert sogar auf über 90% steigern. GlowCaps sind funkgesteuerte Deckel für die in US-Apotheken üblichen Tabletten-Behälter. Zum Einnahmezeitpunkt beginnen diese zunächst zu glimmen, dann zu blinken und schließlich mit einem Signalton auf sich aufmerksam zu machen. Nur durch ein Öffnen des Behältnisses kann der Patient sein GlowCap ruhigstellen.

Verbesserung der Medikamenten-Compliance durch Digital Health

Nach diesen Ergebnissen scheint Digital Health also tatsächlich einen deutlichen Beitrag zur Verbesserung der Compliance leisten zu können – und so zur Senkung signifikanter Kosten im Gesundheitssystem beitragen.

 

IMS: Fehlende Medikamenten-Compliance kostet US-Gesundheitssystem ca. 200 Mrd. USD in 2012

In einem Ende Juni veröffentlichten Report beziffert IMS die Kosten fehlender Medikamenten-Compliance in den USA auf 213 Mrd. USD in 2012. Dies entspricht ca. 8% der US-Gesundheitsausgaben im gleichen Jahr. Die Analyse beruht auf einer im Oktober 2012 veröffentlichen weltweiten Erhebung zum Umgang mit Medikamenten. Ca. 50% der Kosten werden dabei laut IMS auf Nicht-Adhärenz verursacht, d.h. die Nicht- oder Falsch-Einnahme durch den Patienten:

Treiber für Kosten der Nicht-Adhärenz in den USA (IMS Institute, 2013)

Bei einem Vergleich mit den geschätzten Kosten der Nicht-Adhärenz in Deutschland erscheint die Größenordnung nicht vollkommen abwegig. So kommt die jüngste Schätzung (booz & co. und Bertelsmann-Stiftung auf direkte Kosten von ca. 35 Mrd. € im Jahr. Gemessen an den deutschen Gesundheitsausgaben ist dies zwar höher als die IMS-Zahl, allerdings wird der Adhärenz-Begriff in der entsprechenden Studie auch weiter gefasst als die Medikamenteneinnahme.

US-Versicherer: Bonus für gesundheitsbewusstes Verhalten, Beweisführung per App

Mit „ObamaCare“ können US-Versicherer bis zu 30% der Versicherungsgebühren als sogenannten „Wellness-Incentive“ ausloben, d.h. als Anreiz für eine sichtbare Verhaltensänderung. Die Motivation: Eine Eindämmung der Kostenexplosion im US-Gesundheitssystem durch gesundheitsbewussteres Verhalten bzw. eine verbesserte Compliance. Mit Aetna versucht nun eine der großen US-Krankenversicherungen, mit Hilfe der neuen, hauseigenen App CarePass die Datengrundlage für verhaltens-basierte Bonus-Schemata zu schaffen. Nach Angaben der Technology Review setzt Aetna dabei auf eine Einbindung existierender Tracking-Lösungen:

  • Mittels CarePass können sich Nutzer Ziele setzen, z.B. ein bestimmtes Kleidungsstück (wieder) tragen zu können. Anschließend schlägt die App Ansätze zum Erreichen dieser Ziele vor.
  • Über Schnittstellen zu Trackern wie FitBit, Jawbone Up sowie zu existierenden Apps greift CarePass die tatsächliche Nutzeraktivität ab und ergänzt diese mit weiteren Informationen aus der digitalen Patientenakte der Nutzer.

Noch hängt kein konkretes Bonus-Schema an der Nutzung der App bzw. dem nachgehaltenen Patientenverhalten. In der offiziellen Sprachregelung will Aetna bisher vor allem gesundheitsbewusstes Verhalten unterstützen. Gleichzeitig will Aetna einen zentralen Speicherort für Verhaltensdaten etablieren, um diese auch anderen Anwendungen, z.B. für Ärzte, zur Verfügung zu stellen. Mit Kaiser Permanente versucht bereits mindestens ein weiterer Versicherer ein ähnlichen, wenn auch nicht identischen Weg zu gehen.

Während also zunächst eine Unterstützung der Verhaltensänderung im Fokus steht, scheint die Setzung eines zusätzlichen Anreizes durch das durch ObamaCare zur Verfügung gestellte monetäre Potenzial nur eine Frage der Zeit zu sein. Im Rahmen des MIT Technology Review Mobile Summit äußerte eine Aetna-Sprecherin, dass dies wahrscheinlich durch die Arbeitgeber getrieben werden wird: Im amerikanischen Versicherungssystem haben diese einen Anreiz, gesundheitsbewusstes Verhalten zu fördern und so die Kosten ihres jeweiligen Corporate Health Plans zu reduzieren.