So brachte 2014 den Durchbruch für Digital Health

Rekordkapitalzufluss in den USA, eine stark wachsende und immer besser organisierte Schar europäischer Startups und eine zunehmende Visibilität auch beim deutschen Durchschnittsverbraucher: Rückblickend hat 2014 das Zeug zum Jahr des Durchbruchs für Digital Health – auch außerhalb der USA. Hier die Zusammenfassung der aus unserer Sicht wichtigsten Entwicklungen:

>4 Mrd. USD Digital Health Funding in den USA

Nach den jüngsten Zahlen von RockHealth sind in 2014 alleine in den USA 4,1 Mrd. USD Venture Capital in Digital Health Startups geflossen. Das fünfte Rekordjahr in Folge ist damit nicht ’nur‘ eine Verdoppelung zu 2013, sondern entspricht grob dem Gesamt-Kapitalzufluss der letzten drei Jahre. Wie immer fließen dabei in die RockHealth-Zahlen nur Finanzierungsrunden mit einem Volumen >2 Mio. USD ein.

Digital Health Funding 2010 - 2014 Full Year

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„Die Internetmedizin steht da, wo Handys vor 20 Jahren standen“ – Dr. Markus Müschenich im Interview

Dr. Markus Müschenich
Dr. Markus Müschenich

Das Internet macht zunehmend gesund: Eine Vielzahl von Anwendungen motiviert Patienten zu einem gesünderen Lebensstil oder unterstützt ärztlich verordnete Therapien. Weiter noch gehen Anwendungen, die unter dem Begriff „Internetmedizin“ gruppiert werden: Sie ergänzen nicht bestehende Verfahren, sondern können Arztbesuche ersetzen oder gar einen gänzlich neuen Therapieansatz darstellen. So bietet beispielsweise das Hamburger Startup Tinnitracks eine digitale Tinnitus-Therapie per mp3-Player. Dr. Markus Müschenich ist Vorstand des Bundesverbands Internetmedizin und stand uns Rede und Antwort zu Potenzial und Herausforderungen dieses innovativen Digital Health Segments:

Herr Dr. Müschenich, wie würden Sie Internetmedizin in einem Satz definieren?
Es gibt eine offizielle Definition, die lautet:

Internetmedizin bezeichnet die interaktive Vorbeugung, Erkennung und Behandlung von Krankheiten und Verletzungen unter Nutzung des Internets und seiner Applikationen [1]

Diese Definition orientiert sich an der Diktion des Sozialgesetzbuchs und zeigt, dass Internetmedizin keine alternative Medizin ist, sondern die nächste Evolutionsstufe dessen, was wir alle zeitlebens kennengelernt haben. Wesentlich alltagstauglicher ist diese Definition:

Internetmedizin ist Gesundheitsversorgung nach dem iPhone-Prinzip. Also vernetzte Medizin in Echtzeit, alltagstauglich und der Patient bestimmt den Prozess.

Durch Vernetzung gibt die Internetmedizin dem Patienten somit nicht nur Zugang zu Informationen, sondern „„Die Internetmedizin steht da, wo Handys vor 20 Jahren standen“ – Dr. Markus Müschenich im Interview“ weiterlesen

Apps & Co. auf Rezept

Auf RezeptDigitale Therapie auf Rezept? In den USA gibt es erste Beispiele, dass das funktionieren kann. BlueStar des Anbieters WellDoc ist ein App- und Webgestütztes Patientenbetreuungsprogramm, das Diabetiker informiert, trainiert und motiviert. Bereits im Sommer 2013 hatte WellDoc die Erstattungsfähigkeit von BlueStar angekündigt. Und auch bei den „Wearables“ gibt es erste Beispiele: So erstattet der US-Versicherer Aetna seit Januar 2014 die Kosten für das Zio Patch, ein Pflaster zur Langzeit-Aufzeichnung der Herzfrequenz. Zum Einsatz kommen soll das Zio Patch z.B. zur Identifikation möglicher Herzrhytmusstörungen.

Auch in Deutschland gibt es zunehmend digitale Angebote, die eine Erstattungsfähigkeit anstreben. Gerade für diagnostische Angebote wie z.B. das von goderma oder therapeutische Angebote wie das der Caterna Sehschule oder das von tinnitracks erscheint eine Erstattung naheliegend. Entscheidend wird dabei sein, dass sich die Angebote für die Kassen nicht nur als nachweislich wirksam erweisen, sondern auch nachweisbare Kostenvorteile bieten, am besten bereits kurzfristig.

Gute Akzeptanz von Apps auf Rezept (Nachtrag zu Artikel: Erste Diabetes App auf Rezept)

Wie vor einigen Tagen berichtet, wurde in den USA die erste rezeptpflichtige Diabetes App angekündigt: BlueStar unterstützt Diabetiker bei der Therapieumsetzung und ist ausschließlich auf Rezept erhältlich (HealthBytes Artikel).

Patienten äußern sich deutlich positiv gegenüber einer App auf Rezept

Passende Erkenntnisse zur Akzeptanz auf Patientenseite liefert eine aktuelle Studie von DigitasHealth, die in den USA durchgeführt wurde. Der größte Teil der befragten Patienten (90%) würden eine von ihrem Arzt verschriebene App annehmen (Artikel auf PMLive).

EBM-Ziffer für Telemedizin: Erster Schritt zur App auf Rezept in Deutschland?

Die Krankenkassen prüfen gemeinsam mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung die Übernahme von den bei Ärzten angefallenen Kosten für Telemedizin (Bericht der Ärztezeitung vom 27.06.2013).

Wie eine entsprechende EBM Ziffer im Detail aussehen wird, ist noch offen. Die Rahmenvereinbarung sieht aber laut Ärztezeitung eine Reihe von Leitlinien vor:

  • Das Fernbehandlungsverbot bleibt unberührt
  • Ebenso wird der Grundsatz der persönlichen Leistungserbringung nicht angetastet
  • Datenschutzstandard und Qualitätssicherungsmaßnahmen sollen im Rahmen der Ziffer ebenfalls geregelt werden

Jetzt bleibt abzuwarten, ob und in welcher Form Apps von der Regelung mit abgedeckt werden, oder gar explizit berücksichtigt werden. Aber vielleicht ist das der erste Schritt zur App auf Rezept, wie jüngst in den USA geschehen (Artikel zu BlueStar).

 

 

US-Versicherer: Bonus für gesundheitsbewusstes Verhalten, Beweisführung per App

Mit „ObamaCare“ können US-Versicherer bis zu 30% der Versicherungsgebühren als sogenannten „Wellness-Incentive“ ausloben, d.h. als Anreiz für eine sichtbare Verhaltensänderung. Die Motivation: Eine Eindämmung der Kostenexplosion im US-Gesundheitssystem durch gesundheitsbewussteres Verhalten bzw. eine verbesserte Compliance. Mit Aetna versucht nun eine der großen US-Krankenversicherungen, mit Hilfe der neuen, hauseigenen App CarePass die Datengrundlage für verhaltens-basierte Bonus-Schemata zu schaffen. Nach Angaben der Technology Review setzt Aetna dabei auf eine Einbindung existierender Tracking-Lösungen:

  • Mittels CarePass können sich Nutzer Ziele setzen, z.B. ein bestimmtes Kleidungsstück (wieder) tragen zu können. Anschließend schlägt die App Ansätze zum Erreichen dieser Ziele vor.
  • Über Schnittstellen zu Trackern wie FitBit, Jawbone Up sowie zu existierenden Apps greift CarePass die tatsächliche Nutzeraktivität ab und ergänzt diese mit weiteren Informationen aus der digitalen Patientenakte der Nutzer.

Noch hängt kein konkretes Bonus-Schema an der Nutzung der App bzw. dem nachgehaltenen Patientenverhalten. In der offiziellen Sprachregelung will Aetna bisher vor allem gesundheitsbewusstes Verhalten unterstützen. Gleichzeitig will Aetna einen zentralen Speicherort für Verhaltensdaten etablieren, um diese auch anderen Anwendungen, z.B. für Ärzte, zur Verfügung zu stellen. Mit Kaiser Permanente versucht bereits mindestens ein weiterer Versicherer ein ähnlichen, wenn auch nicht identischen Weg zu gehen.

Während also zunächst eine Unterstützung der Verhaltensänderung im Fokus steht, scheint die Setzung eines zusätzlichen Anreizes durch das durch ObamaCare zur Verfügung gestellte monetäre Potenzial nur eine Frage der Zeit zu sein. Im Rahmen des MIT Technology Review Mobile Summit äußerte eine Aetna-Sprecherin, dass dies wahrscheinlich durch die Arbeitgeber getrieben werden wird: Im amerikanischen Versicherungssystem haben diese einen Anreiz, gesundheitsbewusstes Verhalten zu fördern und so die Kosten ihres jeweiligen Corporate Health Plans zu reduzieren.

mHealth Kooperationen: Start-ups und etablierte Spieler

Unabhängig von der Betitelung des jeweiligen Marktes, die Experten sind sich einig: Hinter Schlagworten wie „Wellness und Prävention“ oder „Right Living“ verbirgt sich ein Milliardenmarkt.

Auch wenn Gesundheits-Apps nur einen Teil des mHealth Marktes abdecken, wird die sich abzeichnende Konkurrenzsituation hier besonders deutlich: Herausgeber der erfolgreichsten Apps aus den Genres „Health and Fitness“ und „Medical“ des Apple AppStores sind längst nicht nur aufstrebende mHealth Start-ups. Auch etablierte Akteure des Gesundheitswesens versuchen sich entsprechend im innovativen Umfeld des AppStores zu positionieren.

Krankenkassen (z.B. DAK FitCheck, ICD-10 Diagnoseauskunft), Pharma-Unternehmen (z.B. Pill Reminder+, mKalender), Verbände (z.B. LärmApp) und Verlage (z.B. Apotheke vor Ort) sind allesamt mit eigenen, an den Endnutzer gerichteteten, Angeboten im Apple App-Store vertreten. Wie sollten Start-ups mit der zunehmend mobilen Präsenz etablierter Spieler umgehen?

In den USA integrieren sich einige mHealth Start-ups, wie z.B. Healthrageous oder Healthprize direkt in das bestehenede Gesundheitssystem (z.B. durch Monetatisierung über „Corporate Health Plans“). Auch wenn sich dieser Ansatz wegen des unterschiedlichen Versicherungssystems nicht direkt auf den deutschen Markt übertragen lässt, verdeutlicht diese Entwicklung, dass mHealth Start-ups und etablierte Spieler nicht zwangsläufig zu Wettbewerbern werden müssen. Kooperationsmodelle werden auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Arzneimittelhersteller erproben digitale Therapien auf Rezept

Mit Hilfe des Online-Angebots deprexis wollen Unternehmen und Forschungseinrichtungen depressiv Erkrankte behandeln. Um die positiven Effekte weiter zu belegen, sollen bis 2015 1.000 Patienten im Rahmen einer weiteren Studie behandelt werden.

Beim genaueren Hinsehen zeigt deprexis dabei spannende Trends auf:

  • Von medialem Content zu interaktiven Angeboten: Entwickelt wurde deprexis anscheinend federführend vom Hamburger Unternehmen GAIA AG. GAIA’s knapp gefasste Website lässt auf einen Fokus auf (multimediale) Informationsprogramme für Ärzte und Patienten schließen. Bei den patienten-orientierte Programme scheint dabei der Schwerpunkt auf Adhärenz bzw. Compliance zu liegen. Ein interaktives Angebot für Patienten wie deprexis stellt dabei eine spannende Weiterentwicklung zu den bisherigen, Content-fokussierten Angeboten wie z.B. Aufklärungs-DVDs dar.
  • Pharma-Industrie experimentiert mit digitalen Angeboten: Herausgeber von deprexis ist der Arzneimittelhersteller Merz Pharmaceuticals. Der Versuch, „digitale Wirkstoffe“ bzw. „digitale Therapien“ am Markt zu etablieren erscheint dabei als innovative strategische Antwort auf die zunehmende Ergebniserosion der Arzneimittelhersteller.
  • Krankenkassen erstatten digitale Angebote: Mehrere Krankenkassen zahlen für ihre Mitglieder die Teilnahme an deprexis. Beispielhaft seien hier die mhplus Krankenkasse sowie die dak und die Allianz zu nennen.  Die Gebühren je Nutzer betrugen im Oktober 2012 rund 280 Euro, wobei einige Marktteilnehmer davon ausgehen, dass die Gebühren inzwischen angehoben wurden.

Sollte deprexis zukünftig auf breiter Ebene durch die Kassen erstattet werden, könnte dies der Entwicklung digitaler Gesundheitsangebote in Deutschland in Zukunft deutlichen Rückenwind geben. In einem solchen Fall scheint ein Markteintritt der etablierten Pharmaunternehmen in den Digital Health Markt nur eine Frage der Zeit. In den USA strecken einige dieser Spieler bereits sichtbar ihre Fühler aus (siehe z.B. Corporate-Partner auf der Partner-Liste von RockHealth)

Deutsche Krankenkassen entdecken Potenzial von Smartphone-Apps

Versicherungs-Apps Deutschland (ausgewählt)

Es scheint, als ob deutsche Krankenkassen zunehmend das Potenzial von Apps entdecken. Während fast jede Versicherung inzwischen „irgendwie“ im AppStore vertreten ist, scheinen die jüngsten Aktivitäten zunehmend gezielter Marketing- oder sogar Präventionsziele als Hintergrund zu haben:

  • Bereits seit 09/2012 kooperiert die AOK Nordost mit dem Schweizer Fitness- und Wellness-Portal Dacadoo (vormals QUENTIQ) im Rahmen der Initiative AOK mobil vital. Die Hoffnung der AOK: Mit der durch die Kooperation für Mitglieder kostenlosen) Dacadoo-Nutzung verhalten sich ihre Mitglieder gesünder und tragen so zu mittel- und langfristigen Kostensenkung bei. Darüber hinaus bietet die AOK eine große Zahl eigener informationslastiger Angebote in App-Form an.
  • Die DAK ist inzwischen mit mehreren eigenen Apps vertreten. Die jünste App, der DAK Fit-Check (April 2013), hat dabei einen ähnlichen Anspruch wie Dacadoo, geht aber noch einen Schritt weiter: Ähnlich wie Audax Zensey und weitere amerikanische Start-ups kombiniert die App einen „Fitness-Coach“ mit Bar- und Sachprämien. Im Falle der DAK entstammen diese dem eigenen Bonusprogramm (DAKgesundAktivBonus).
  • Auch die Techniker Krankenkasse verfügt mittlerweile über ein ganzes Portfolio eigener Apps. Mit Angeboten wie einem Lexikon, einem Klinikführer oder einem Kiosk für die eigenen Broschüren setzt die TK – ähnlich wie die AOK – den Schwerpunkt bei Informationsangeboten. Das interaktivste Angebot der TK ist zur Zeit der TK Fit Check, der den Nutzern einfache Selbsttests erlaubt.
  • Viele andere Krankenkassen sind inzwischen ebenfalls mit Apps vertreten. Anwendungen wie der BARMER Campus Guide oder typische BKK Apps (z.B. BKK-A.T.U. App) haben bisher jedoch meist einen starken Marketing- bzw. Informationscharakter. Im Vergleich haben die Angebote von Dacadoo oder DAK Fit Check einen höheren Präventionsanspruch.

Die Beschreibung der Angebot ist zwar nicht erschöpfend, zeigt aber einen möglichen Trend hin zu interaktiveren, präventions-orientierten Angeboten auf, wie er in den USA bereits seit längerem erkennbar ist. Mit weiter zunehmender Smartphone-Penetration erscheint dieser Schritt auch für deutsche Krankenkassen nur logisch.