Online-Therapie für psychische Erkrankungen: 5 Mio. USD Finanzierung für US-Startup Breakthrough

Nicht nur in Deutschland herrscht ein Engpass bei der Betreuung psychischer Erkrankungen: 50% der ca. 67 Mio. US-Amerikaner, die unter psychischen Erkrankungen leiden, erhalten keine Behandlung. Wie TechCrunch heute berichtet, hat das US-Startup BreakTrough 5 Mio. USD Series A Finanzierung vom Investor The Social+Capital Partnership (S+C) erhalten. Ähnlich wie bereits existierende Ansätze in Deutschland sieht BreakThrough das therapeutische Potenzial von Online-Angeboten, geht dabei aber noch weiter: Während z.B. deprexis eine reine „Software-Therapie“ ist, integriert BreakThrough Patientengespräche auf Videokonferenzbasis. So will BreakThrough nicht nur die Zeit bis zur ersten Behandlung überbrücken, sondern in Kooperation mit akkreditierten Therapeuten auch eine dauerhafte Betreuung von Patienten z.B. in unterversorgten Regionen ermöglichen.

Für S+C ist BreakThrough nicht das erste Investment in Digital Health: Durch Investitionen in Firmen wie Asthmapolis oder Syapse rangiert der Investor aus Palo Alto im jüngsten Rock Health Digital Health Funding Update auf den vorderen Plätzen.

Online-Therapie: Psychische Erkrankungen als Vorreiter?

Mit Novego und Deprexis gibt es in Deutschland mittlerweile mindestens zwei digitale Therapieangebote für Patienten mit psychischen Erkrankungen – im Falle von Deprexis sogar für erste Patienten auf Rezept. Dabei scheint es gute Gründe zu geben, warum psychische Erkrankungen in Deutschlands aufkeimendem Digital Health Markt gezielt adressiert werden:

  • Kostentreiber psychische Erkrankung: Gemessen an den Kosten gehören psychische Erkrankungen zu den Top-3-Krankheitsklassen in Deutschland. In 2006 machten sie 11,3% der Krankheitskosten aus (Spitzenreiter waren Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit 14,9%).
  • Mangelware Psychotherapeuth: Insbesondere gesetzliche Versicherte Patienten warten häufig wochenlang auf Termine. Das ist nicht nur teuer für die Kassen, sondern erhöht auch die Bereitschaft der Patienten, innovative Hilfestellungen anzunehmen.
  • Demographie der Patientenschaft: Im Vergleich zu anderen weit verbreiteten Krankheitsbildern leiden überproportional viele jüngere Menschen unter psychischen Erkrankungen: In der Gruppe der 15 bis 45-jährigen waren sie in 2011 der Auslöser für 38% der Aufenthalte in Vorsorge- oder Rehabilitationseinrichungen.
  • Komorbidität: Patienten mit chronischen somatischen Erkrankungen sind dem 1,5-2-fachen Risiko einer gleichzeitigen psychischen Störung ausgesetzt. Nach einer Veröffentlichung der Deutschen Rentenversicherung leiden beispielsweise 30-40% somatisch erkrankter Rehabilitationspatienten unter psychischen Belastungen. In der gleichen Gruppe beträgt die 4-Wochen-Prävalenz psychischer Störungen je nach somatischer Erkrankung 16-25%.

So gut also die Gründe für innovative Therapieansätze sind, so spannend werden die Ergebnisse der aktuell durchgeführten Wirksamkeitsstudien, z.B. bei Deprexis, sein.

Arzneimittelhersteller erproben digitale Therapien auf Rezept

Mit Hilfe des Online-Angebots deprexis wollen Unternehmen und Forschungseinrichtungen depressiv Erkrankte behandeln. Um die positiven Effekte weiter zu belegen, sollen bis 2015 1.000 Patienten im Rahmen einer weiteren Studie behandelt werden.

Beim genaueren Hinsehen zeigt deprexis dabei spannende Trends auf:

  • Von medialem Content zu interaktiven Angeboten: Entwickelt wurde deprexis anscheinend federführend vom Hamburger Unternehmen GAIA AG. GAIA’s knapp gefasste Website lässt auf einen Fokus auf (multimediale) Informationsprogramme für Ärzte und Patienten schließen. Bei den patienten-orientierte Programme scheint dabei der Schwerpunkt auf Adhärenz bzw. Compliance zu liegen. Ein interaktives Angebot für Patienten wie deprexis stellt dabei eine spannende Weiterentwicklung zu den bisherigen, Content-fokussierten Angeboten wie z.B. Aufklärungs-DVDs dar.
  • Pharma-Industrie experimentiert mit digitalen Angeboten: Herausgeber von deprexis ist der Arzneimittelhersteller Merz Pharmaceuticals. Der Versuch, „digitale Wirkstoffe“ bzw. „digitale Therapien“ am Markt zu etablieren erscheint dabei als innovative strategische Antwort auf die zunehmende Ergebniserosion der Arzneimittelhersteller.
  • Krankenkassen erstatten digitale Angebote: Mehrere Krankenkassen zahlen für ihre Mitglieder die Teilnahme an deprexis. Beispielhaft seien hier die mhplus Krankenkasse sowie die dak und die Allianz zu nennen.  Die Gebühren je Nutzer betrugen im Oktober 2012 rund 280 Euro, wobei einige Marktteilnehmer davon ausgehen, dass die Gebühren inzwischen angehoben wurden.

Sollte deprexis zukünftig auf breiter Ebene durch die Kassen erstattet werden, könnte dies der Entwicklung digitaler Gesundheitsangebote in Deutschland in Zukunft deutlichen Rückenwind geben. In einem solchen Fall scheint ein Markteintritt der etablierten Pharmaunternehmen in den Digital Health Markt nur eine Frage der Zeit. In den USA strecken einige dieser Spieler bereits sichtbar ihre Fühler aus (siehe z.B. Corporate-Partner auf der Partner-Liste von RockHealth)