IMS: Fehlende Medikamenten-Compliance kostet US-Gesundheitssystem ca. 200 Mrd. USD in 2012

In einem Ende Juni veröffentlichten Report beziffert IMS die Kosten fehlender Medikamenten-Compliance in den USA auf 213 Mrd. USD in 2012. Dies entspricht ca. 8% der US-Gesundheitsausgaben im gleichen Jahr. Die Analyse beruht auf einer im Oktober 2012 veröffentlichen weltweiten Erhebung zum Umgang mit Medikamenten. Ca. 50% der Kosten werden dabei laut IMS auf Nicht-Adhärenz verursacht, d.h. die Nicht- oder Falsch-Einnahme durch den Patienten:

Treiber für Kosten der Nicht-Adhärenz in den USA (IMS Institute, 2013)

Bei einem Vergleich mit den geschätzten Kosten der Nicht-Adhärenz in Deutschland erscheint die Größenordnung nicht vollkommen abwegig. So kommt die jüngste Schätzung (booz & co. und Bertelsmann-Stiftung auf direkte Kosten von ca. 35 Mrd. € im Jahr. Gemessen an den deutschen Gesundheitsausgaben ist dies zwar höher als die IMS-Zahl, allerdings wird der Adhärenz-Begriff in der entsprechenden Studie auch weiter gefasst als die Medikamenteneinnahme.

Online-Therapie: Psychische Erkrankungen als Vorreiter?

Mit Novego und Deprexis gibt es in Deutschland mittlerweile mindestens zwei digitale Therapieangebote für Patienten mit psychischen Erkrankungen – im Falle von Deprexis sogar für erste Patienten auf Rezept. Dabei scheint es gute Gründe zu geben, warum psychische Erkrankungen in Deutschlands aufkeimendem Digital Health Markt gezielt adressiert werden:

  • Kostentreiber psychische Erkrankung: Gemessen an den Kosten gehören psychische Erkrankungen zu den Top-3-Krankheitsklassen in Deutschland. In 2006 machten sie 11,3% der Krankheitskosten aus (Spitzenreiter waren Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit 14,9%).
  • Mangelware Psychotherapeuth: Insbesondere gesetzliche Versicherte Patienten warten häufig wochenlang auf Termine. Das ist nicht nur teuer für die Kassen, sondern erhöht auch die Bereitschaft der Patienten, innovative Hilfestellungen anzunehmen.
  • Demographie der Patientenschaft: Im Vergleich zu anderen weit verbreiteten Krankheitsbildern leiden überproportional viele jüngere Menschen unter psychischen Erkrankungen: In der Gruppe der 15 bis 45-jährigen waren sie in 2011 der Auslöser für 38% der Aufenthalte in Vorsorge- oder Rehabilitationseinrichungen.
  • Komorbidität: Patienten mit chronischen somatischen Erkrankungen sind dem 1,5-2-fachen Risiko einer gleichzeitigen psychischen Störung ausgesetzt. Nach einer Veröffentlichung der Deutschen Rentenversicherung leiden beispielsweise 30-40% somatisch erkrankter Rehabilitationspatienten unter psychischen Belastungen. In der gleichen Gruppe beträgt die 4-Wochen-Prävalenz psychischer Störungen je nach somatischer Erkrankung 16-25%.

So gut also die Gründe für innovative Therapieansätze sind, so spannend werden die Ergebnisse der aktuell durchgeführten Wirksamkeitsstudien, z.B. bei Deprexis, sein.

mHealth Kooperationen: Start-ups und etablierte Spieler

Unabhängig von der Betitelung des jeweiligen Marktes, die Experten sind sich einig: Hinter Schlagworten wie „Wellness und Prävention“ oder „Right Living“ verbirgt sich ein Milliardenmarkt.

Auch wenn Gesundheits-Apps nur einen Teil des mHealth Marktes abdecken, wird die sich abzeichnende Konkurrenzsituation hier besonders deutlich: Herausgeber der erfolgreichsten Apps aus den Genres „Health and Fitness“ und „Medical“ des Apple AppStores sind längst nicht nur aufstrebende mHealth Start-ups. Auch etablierte Akteure des Gesundheitswesens versuchen sich entsprechend im innovativen Umfeld des AppStores zu positionieren.

Krankenkassen (z.B. DAK FitCheck, ICD-10 Diagnoseauskunft), Pharma-Unternehmen (z.B. Pill Reminder+, mKalender), Verbände (z.B. LärmApp) und Verlage (z.B. Apotheke vor Ort) sind allesamt mit eigenen, an den Endnutzer gerichteteten, Angeboten im Apple App-Store vertreten. Wie sollten Start-ups mit der zunehmend mobilen Präsenz etablierter Spieler umgehen?

In den USA integrieren sich einige mHealth Start-ups, wie z.B. Healthrageous oder Healthprize direkt in das bestehenede Gesundheitssystem (z.B. durch Monetatisierung über „Corporate Health Plans“). Auch wenn sich dieser Ansatz wegen des unterschiedlichen Versicherungssystems nicht direkt auf den deutschen Markt übertragen lässt, verdeutlicht diese Entwicklung, dass mHealth Start-ups und etablierte Spieler nicht zwangsläufig zu Wettbewerbern werden müssen. Kooperationsmodelle werden auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung gewinnen.

GSMA: mHealth mit 194 Mrd. € Potenzial in 2017 (EU)

Eine gemeinsame Studie des internationalen Mobilfunkdachverbandes GSMA und PWC vom Mai 2013 sieht in der EU in 2017 ein Netto-Kosteneinsparungspotenzial von knapp 100 Mrd. €. Das Gesamtpotenzial von 2013 bis 2017 beziffert die Studie sogar auf 265 Mrd. €. Hinzu kommen Produktivitätszuwächse, die die Autoren in 2017 auf eine ähnliche Größenordnung schätzen (93 Mrd. €). Allein für Deutschland sehen die Autoren ein Einsparpotenzial von 16 Mrd. € und ein Produktivitätspotenzial von 22 Mrd. € in 2017.

Mit 69 Mrd. € (2017) generieren  „Wellness & Prävention“ das Gros des geschätzten Einsparpotenzials, gefolgt von Einsparungen aus besserer Behandlung und Beobachtung. Interessant ist dabei u.a. der Vergleich mit einer kürzlichen McKinsey-Studie zum US-Gesundheitsmarkt: Die Strategieberater beziffern darin das Einsparpotenzial durch „Right Living“ auf eine ähnliche Größenordnung wie die PWC’s Potenzial für „Wellness und Prävention“ – und damit auf die für die typische Domäne von Digital Health. Dass McKinsey das Potenzial nicht als mHealth-Einsparungen, sondern als Big Data Potenzial tituliert, ist wohl eher dem Kontext geschuldet.

mHealth Einsparpotenzial durch Prävention / Lebesstilverbesserung (PWC vs. McKinsey, 2013)

 

Auch sonst fügen sich die bezifferten Potenziale mehr oder minder stimmig in jüngste Studien ein. Die spannende Frage bleibt: Wer schafft es, das Potenzial zu heben?

mHealth: Unternehmensberater bringen sich in Stellung

Führende Unternehmensberatungsgesellschaften, wie z.B. Booz & Company oder Bain & Company haben das Potenzial des mHealth-Marktes für sich erkannt. Mit entsprechenden Publikationen scheinen sie sich im Wettbewerb um zukünftige Projekte strategisch zu diesem Thema zu positionieren.

Die folgende Tabelle zeigt eine Auswahl freizugänglicher mHealth Reports im Vergleich, wobei der Fokus auf der Gegenüberstellung der Herausgeberstruktur und nicht auf einer Analyse der eigentlichen Inhalte liegt. Klicken Sie auf die jeweiligen Logos, um zu den entsprechenden Reports weitergeleitet zu werden.

 2010  2011  2012
„Institutionen“  California HealthCare Foundation - How Smartphones Are Changing Health Care for Consumers and Providers.pdf
 mHealth Regulatory Coalition - A Call for Clarity. Open Questions on the Scope of FDA Regulation of mHealth
 mHealth Alliance - The Economics of eHealth  United Nations Foundation - HEALTH INFORMATION AS HEALTH CARE  mHealth Alliance, United Nations Foundation - Using Mobile Technologies for Healthier Aging
World Health Organization - mHealth. New horizons for health through mobile technologies
Federal Communications Commission - Connecting America. The National Broadband Plan
 The Global Health Policy Summit - The Digital Dimension of Healthcare
Beratungen  PricewaterhouseCoopers' Health Research Institute - Healthcare Unwired. New business models delivering care anywhere  PricewaterhouseCoopers - Emerging mHealth. Paths for growth
 Bain & Company - The future of healthcare. there’s an app for that
 Booz & Company Inc. & Bertelsmann Stiftung - Effekte einer gesteigerten Therapietreue
 Deloitte - mHealth in an mWorld. How mobile technology is transforming health careMcKinsey & Company - The big-data revolution in US health care. Accelerating value and innovation

Frühere Zusammenstellungen relevanter mHealth Reports, wie z.B. die „must-read-Listen“ von MobiHealthNews aus den Jahren 2010 und 2011, waren insbesondere durch Veröffentlichungen durch Non-Profit-Organisationen oder Verbände getrieben. Die Fülle an Reports, die letztes Jahr von Beratungshäusern veröffentlicht wurde, lässt jedoch darauf darauf schließen, dass mHealth langsam (?) massentauglich wird. Die sonst generalistisch ausgerichteten Unternehmensberatungen scheinen nun auch im mHealth Markt mit konkreten Umsatzpotenzialen für sich zu rechnen.

Dieser Beitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Falls Ihnen weitere Reports einfallen, die Sie in dieser Darstellung vermissen, so hinterlassen Sie gerne einen Kommentar.

McKinsey: Big Data kann 12-17% der US-Healthcare-Kosten sparen

McKinsey hat Big Data als Mega-Thema ausgemacht und übersetzt dieses aktuell in eine Serie von Veröffentlichungen. In diesem Zusammenhang versuchen die Strategieberater im White Paper „The Big Data Revolution in US Healthcare“ die Wertstiftung von Big Data im Gesundheitsbereich zu beziffern. Für die USA errechnen sie ein Gesamtpotenzial von 300-450 Mrd. USD bzw. 12-17% der amerikanischen Gesundheitskosten.

Nicht alle der identifizierten fünf Hebel (Right Living, Right Care, Right Provider, Right Value und Right Innovation) sind uneingeschränkt international übertragbar. Insbesondere die 70-100 Mrd. USD durch „Right Living“, also Verhaltensänderung hin zu besserer Prävention und Adhärenz dürften aber auch in anderen Ländern in einer ähnlichen Größenordnung ausfallen. Wendet man 3-4% Potenzial auf die deutschen Gesundheitsausgaben an, ergibt sich mit 8-11 Mrd. € ein eher konservatives Potenzial: Booz&Co. und die Bertelsmann-Stiftung schätzten 2012, dass alleine die Verbesserung der Adhärenz in Deutschland 38-75 Mrd. € Potenzial erschließen könnte. Davon entfallen 10-20 Mrd. € auf Produktivitätssteigerung, der Rest auf Senkung der Kosten im Gesundheitssystem.