EU-Studie: eHealth erreicht Allgemeinärzte, Deutschland mit Potenzial

Die EU hat in einer großangelegten Studie die eHealth-Durchdringung bei Allgemeinärzten (‚General Practitioners‘ bzw. ‚GPs‘) erhoben. Das Fazit: eHealth setzt sich auch bei Allgemeinärzten bzw. Hausärzten zunehmend durch. Im Ländervergleich bewegt sich Deutschland dabei im hinteren Mittelfeld.

Im Vergleich zu einer Vorgängerstudie von 2007 hat sich die eHealth-Durchdringung um insgesamt ca. 50% erhöht. Getrieben wird dies vor allem vom (in Deutschland nicht verfügbaren) eRezept sowie einem zunehmenden digitalen Datenaustausch zu administrativen Zwecken:

EU eHealth-Studie: Relative Zunahme eHealth-Durchdringung 2007-2013 (Allgemeinärzte)

 

Auch in Deutschland ist die Durchdringung seit 2007 deutlich gewachsen, mit 31% aber unterproportional. Von den insgesamt 31 untersuchten Ländern landet Deutschland damit auf Platz 17 und so unter dem EU-Durchschnitt:

eHealth adoption among EU GPs: Composite Index

 

Deutschland im Detailvergleich

Die Gesamtbewertung je Land ist das Ergebnis einer Befragung von ca. 9.000 Allgemeinärzten im Zeitraum Januar bis März 2013. Wir haben uns die vier Befragungsdimensionen und das jeweilige Abschneiden Deutschlands genauer angesehen:

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Digital Health wirkt: Beispiel Medikamenten Compliance

Der Anspruch von Digital Health oder Health 2.0: Technologie unterstützt Patienten bei gesünderem Verhalten. So verbessert Digital Health nicht nur die Gesundheit, sondern senkt auch die Kosten im Gesundheitssystem (siehe auch Esther Dyson’s These: „More Health, Less Healthcare“). Aber kann Technologie Patienten tatsächlich zu nachhaltiger Verhaltensänderung motivieren? Jüngste Studien zum Thema Medikamenten-Compliance sind diesbezüglich vielversprechend:

  • Die WHO (und diverse andere Studien) geht davon aus, dass nur 50% der Medikamente, die chronisch Kranken verschrieben werden, auch tatsächlich eingenommen werden
  • Mit einer Medikamenten-Erinnerungs-App (MediSafe) konnte dieser Wert auf 81% gesteigert werden.
  • Mit ihren „GlowCaps“ konnte die Firma Vitality diesen Wert sogar auf über 90% steigern. GlowCaps sind funkgesteuerte Deckel für die in US-Apotheken üblichen Tabletten-Behälter. Zum Einnahmezeitpunkt beginnen diese zunächst zu glimmen, dann zu blinken und schließlich mit einem Signalton auf sich aufmerksam zu machen. Nur durch ein Öffnen des Behältnisses kann der Patient sein GlowCap ruhigstellen.

Verbesserung der Medikamenten-Compliance durch Digital Health

Nach diesen Ergebnissen scheint Digital Health also tatsächlich einen deutlichen Beitrag zur Verbesserung der Compliance leisten zu können – und so zur Senkung signifikanter Kosten im Gesundheitssystem beitragen.

 

IMS: Fehlende Medikamenten-Compliance kostet US-Gesundheitssystem ca. 200 Mrd. USD in 2012

In einem Ende Juni veröffentlichten Report beziffert IMS die Kosten fehlender Medikamenten-Compliance in den USA auf 213 Mrd. USD in 2012. Dies entspricht ca. 8% der US-Gesundheitsausgaben im gleichen Jahr. Die Analyse beruht auf einer im Oktober 2012 veröffentlichen weltweiten Erhebung zum Umgang mit Medikamenten. Ca. 50% der Kosten werden dabei laut IMS auf Nicht-Adhärenz verursacht, d.h. die Nicht- oder Falsch-Einnahme durch den Patienten:

Treiber für Kosten der Nicht-Adhärenz in den USA (IMS Institute, 2013)

Bei einem Vergleich mit den geschätzten Kosten der Nicht-Adhärenz in Deutschland erscheint die Größenordnung nicht vollkommen abwegig. So kommt die jüngste Schätzung (booz & co. und Bertelsmann-Stiftung auf direkte Kosten von ca. 35 Mrd. € im Jahr. Gemessen an den deutschen Gesundheitsausgaben ist dies zwar höher als die IMS-Zahl, allerdings wird der Adhärenz-Begriff in der entsprechenden Studie auch weiter gefasst als die Medikamenteneinnahme.

US-VC-Investitionen in Digital Health unverändert hoch

Nach den neuesten Zahlen von RockHealth sind in 2013 bisher 849 Mio. USD Risikokapital in Digital Health geflossen. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht dies einer Steigerung von 12%, wobei dieser Zuwachs vor allem auf ein starkes erstes Quartal zurückgeht.

VC-Investment in Digital Health Q1-Q2 2013

RockHealth attestiert nach wie vor Anwendungen für Patienten einen hohen Stellenwert: Mit „Wellness“ und „Personal Health Tools and Tracking“ drehen sich zwei von fünf Megatrends rund um das Thema „gesünderes Patientenverhalten“. In ersterer Kategorie sieht RockHealth Angebote und Anreizschemata, die sich z.B. an Arbeitgeber richten können (z.B. das Corporate Wellness Programm Keas). In die zweite Kategorie fallen Angebote rund um die Themen Quantified Self (z.B. Tracking-Devices wie das Basis) und Patientenvernetzung (z.B. PatientsLikeMe). Als weitere Trends werden die digitale Gesundheitsakte, Big Data und Telemonitoring genannt, denen zuletzt bereits in mehreren Studien großes Potenzial attestiert wurde.

GSMA: mHealth mit 194 Mrd. € Potenzial in 2017 (EU)

Eine gemeinsame Studie des internationalen Mobilfunkdachverbandes GSMA und PWC vom Mai 2013 sieht in der EU in 2017 ein Netto-Kosteneinsparungspotenzial von knapp 100 Mrd. €. Das Gesamtpotenzial von 2013 bis 2017 beziffert die Studie sogar auf 265 Mrd. €. Hinzu kommen Produktivitätszuwächse, die die Autoren in 2017 auf eine ähnliche Größenordnung schätzen (93 Mrd. €). Allein für Deutschland sehen die Autoren ein Einsparpotenzial von 16 Mrd. € und ein Produktivitätspotenzial von 22 Mrd. € in 2017.

Mit 69 Mrd. € (2017) generieren  „Wellness & Prävention“ das Gros des geschätzten Einsparpotenzials, gefolgt von Einsparungen aus besserer Behandlung und Beobachtung. Interessant ist dabei u.a. der Vergleich mit einer kürzlichen McKinsey-Studie zum US-Gesundheitsmarkt: Die Strategieberater beziffern darin das Einsparpotenzial durch „Right Living“ auf eine ähnliche Größenordnung wie die PWC’s Potenzial für „Wellness und Prävention“ – und damit auf die für die typische Domäne von Digital Health. Dass McKinsey das Potenzial nicht als mHealth-Einsparungen, sondern als Big Data Potenzial tituliert, ist wohl eher dem Kontext geschuldet.

mHealth Einsparpotenzial durch Prävention / Lebesstilverbesserung (PWC vs. McKinsey, 2013)

 

Auch sonst fügen sich die bezifferten Potenziale mehr oder minder stimmig in jüngste Studien ein. Die spannende Frage bleibt: Wer schafft es, das Potenzial zu heben?

Ärzte würden Apps empfehlen

Ärzte sehen eine positive Wirkung von Gesundheits-Apps: Über 90% der befragten US-Ärzte glauben an eine Verbesserung der Patienten-Gesundheit durch Nutzung mobiler Gesundheits-Anwendungen. Entsprechend hoch ist auch die Bereitschaft den Patienten Gesundheits-Apps zu empfehlen. Das gilt insbesondere für die Gebiete Therapieeinhaltung bzw. Adhärenz, Prävention und chronische Erkrankungen wie Diabetes.

Die Befragung wurde von eClinicalworks in den USA durchgeführt (n=2.291):

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mHealth-Marktzahlen: Große absolute Bandbreite, Einigkeit über starken Aufwärtstrend

Visiongain hat jüngst auf 166 Seiten Struktur und Entwicklung des globalen „Mobile Healthcare“ Marktes von 2013 bis 2018 abgeschätzt. Die Autoren  beziffern dabei den Gesamtumsatz für 2013 auf ca. 2 Mrd. USD. Die Report sieht das Potenzial, dass mHealth „jedes Element des Gesundheitswesens“ nachhaltig verändert und 2013 den Beginn einer starken Wachstumsphase darstellt. Einer der Haupttreiber für das Wachstum ist laut Visiongain die Nutzung von mobilen IT-Lösungen für effizientere Prozesse zwischen Ärzten, Krankhäusern, Patienten, und Versicherungen. Ein Vergleich mit den Ergebnissen anderer Marktforscher zeigt dabei eine beachtliche Bandbreite des absoluten Marktvolumens:

  • research2guidance beziffert den globalen mHealth-Markt in 2016 auf 26 Mrd. USD. Allein der Markt für mobile Sensoren für Health- und Fitness-Apps soll sich dann auf 5,6 Mrd. USD belaufen.
  • In einem Report von 2012 schätzte PriceWaterhouseCoopers den globalen mHealth-Markt auf  23 Mrd. USD in 2017, wovon 7 Mrd. USD auf Europa entfallen.
  • Im Gegensatz dazu schätzte Global Data das weltweite Marktvolumen für 2018 im August 2012 auf „lediglich“ 11,8 Mrd. USD. Die Marktforscher nehmen dabei von 2011 bis 2018 ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 39% an.

So unterschiedlich die Marktschätzungen (und mit hoher Wahrscheinlichkeit die zugrunde liegenden Marktdefinitionen) auch ausfallen, unter den Marktforschern besteht Einigkeit über den Trend: Mobile Gesundheitslösungen werden in den nächsten Jahren stark wachsen und zunehmend zum Massenprodukt avancieren.

 

mHealth: Unternehmensberater bringen sich in Stellung

Führende Unternehmensberatungsgesellschaften, wie z.B. Booz & Company oder Bain & Company haben das Potenzial des mHealth-Marktes für sich erkannt. Mit entsprechenden Publikationen scheinen sie sich im Wettbewerb um zukünftige Projekte strategisch zu diesem Thema zu positionieren.

Die folgende Tabelle zeigt eine Auswahl freizugänglicher mHealth Reports im Vergleich, wobei der Fokus auf der Gegenüberstellung der Herausgeberstruktur und nicht auf einer Analyse der eigentlichen Inhalte liegt. Klicken Sie auf die jeweiligen Logos, um zu den entsprechenden Reports weitergeleitet zu werden.

 2010  2011  2012
„Institutionen“  California HealthCare Foundation - How Smartphones Are Changing Health Care for Consumers and Providers.pdf
 mHealth Regulatory Coalition - A Call for Clarity. Open Questions on the Scope of FDA Regulation of mHealth
 mHealth Alliance - The Economics of eHealth  United Nations Foundation - HEALTH INFORMATION AS HEALTH CARE  mHealth Alliance, United Nations Foundation - Using Mobile Technologies for Healthier Aging
World Health Organization - mHealth. New horizons for health through mobile technologies
Federal Communications Commission - Connecting America. The National Broadband Plan
 The Global Health Policy Summit - The Digital Dimension of Healthcare
Beratungen  PricewaterhouseCoopers' Health Research Institute - Healthcare Unwired. New business models delivering care anywhere  PricewaterhouseCoopers - Emerging mHealth. Paths for growth
 Bain & Company - The future of healthcare. there’s an app for that
 Booz & Company Inc. & Bertelsmann Stiftung - Effekte einer gesteigerten Therapietreue
 Deloitte - mHealth in an mWorld. How mobile technology is transforming health careMcKinsey & Company - The big-data revolution in US health care. Accelerating value and innovation

Frühere Zusammenstellungen relevanter mHealth Reports, wie z.B. die „must-read-Listen“ von MobiHealthNews aus den Jahren 2010 und 2011, waren insbesondere durch Veröffentlichungen durch Non-Profit-Organisationen oder Verbände getrieben. Die Fülle an Reports, die letztes Jahr von Beratungshäusern veröffentlicht wurde, lässt jedoch darauf darauf schließen, dass mHealth langsam (?) massentauglich wird. Die sonst generalistisch ausgerichteten Unternehmensberatungen scheinen nun auch im mHealth Markt mit konkreten Umsatzpotenzialen für sich zu rechnen.

Dieser Beitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Falls Ihnen weitere Reports einfallen, die Sie in dieser Darstellung vermissen, so hinterlassen Sie gerne einen Kommentar.

McKinsey: Big Data kann 12-17% der US-Healthcare-Kosten sparen

McKinsey hat Big Data als Mega-Thema ausgemacht und übersetzt dieses aktuell in eine Serie von Veröffentlichungen. In diesem Zusammenhang versuchen die Strategieberater im White Paper „The Big Data Revolution in US Healthcare“ die Wertstiftung von Big Data im Gesundheitsbereich zu beziffern. Für die USA errechnen sie ein Gesamtpotenzial von 300-450 Mrd. USD bzw. 12-17% der amerikanischen Gesundheitskosten.

Nicht alle der identifizierten fünf Hebel (Right Living, Right Care, Right Provider, Right Value und Right Innovation) sind uneingeschränkt international übertragbar. Insbesondere die 70-100 Mrd. USD durch „Right Living“, also Verhaltensänderung hin zu besserer Prävention und Adhärenz dürften aber auch in anderen Ländern in einer ähnlichen Größenordnung ausfallen. Wendet man 3-4% Potenzial auf die deutschen Gesundheitsausgaben an, ergibt sich mit 8-11 Mrd. € ein eher konservatives Potenzial: Booz&Co. und die Bertelsmann-Stiftung schätzten 2012, dass alleine die Verbesserung der Adhärenz in Deutschland 38-75 Mrd. € Potenzial erschließen könnte. Davon entfallen 10-20 Mrd. € auf Produktivitätssteigerung, der Rest auf Senkung der Kosten im Gesundheitssystem.